Wie wir die Entwicklungen in unserem Umfeld einschätzen.

Die Nachfrage nach Stahl wächst global. Unsere Investitionen in Produkte und Technik sichern die führenden Positionen in den hochwertigen Marktsegmenten.

Welche Erfolge wir als international führendes Stahlunternehmen im Sinne einer nachhaltigen Unternehmenspolitik erzielen können, wird erheblich durch die Rahmenbedingungen geprägt, unter denen wir agieren. Trends in der Branche, der Energie- und Umweltpolitik sowie der demographischen Entwicklung bestimmen das Umfeld.

Wie wir die Entwicklungen in unserem Umfeld einschätzen.

Konsolidierung und Globalisierung der Stahlbranche

Die Entwicklung auf dem globalen Stahlmarkt wurde in den letzten Jahren insbesondere durch den China-Boom geprägt. 2005 erreichte die Welt-Rohstahlproduktion bei einer Zunahme um 7% die Rekordmarke von 1,13 Mrd t. Davon wurden 340 Mio t in China erzeugt. Dort war erneut ein Zuwachs um 25% zu verzeichnen. Das Land wird in diesem Jahrzehnt der Wachstumsmarkt Nr. 1 bleiben. Für das Segment Qualitätsflachstahl, auf das sich ThyssenKrupp Steel seit Mitte der neunziger Jahre konzentriert hat, wird bis 2010 auf Grund des hohen Investitionstempos eine jährliche Expansion um 7% erwartet. Insbesondere bei hochwertigen Stahlsorten kann der Bedarf nicht vollständig aus eigener Produktion gedeckt werden, so dass China in diesem Bereich voraussichtlich seine Position als Nettoimporteur mittelfristig behalten dürfte.

Global wird die Qualitätsflachstahl-Nachfrage in diesem Zeitraum nach aktuellen Prognosen dynamisch um knapp 3% zunehmen, allerdings mit regionalen Unterschieden. Im für ThyssenKrupp Steel heute relevanten Kernmarkt Westeuropa sind die Wachstumsperspektiven geringer. Absatzchancen liegen aber in den neuen EU-Ländern Mittel- und Osteuropas.

Der rasante Aufwärtstrend in China hat zu einem Nachfrageüberhang bei den wichtigsten Rohstoffen – Erz, Kokskohle und Koks – sowie bei den Frachtraten auf den Weltmärkten geführt. Unsere Versorgung konnte jedoch auf Basis jahrzehntelanger bestehender Partnerschaften mit den großen Rohstofflieferanten gesichert werden. Bei weltweit ausreichenden Eisenerz- und Kohlereserven werden sich die Engpässe durch Investitionen in neue Förderkapazitäten in den nächsten Jahren wieder auflösen. Viel gravierender als die physische Knappheit sind die drastischen Preiserhöhungen, die in Kauf genommen werden mussten. Für das Lieferjahr 2005 verteuerte sich Eisenerz auf US-Dollar-Basis zwischen 70% bei Feinerz und 87% bei Pellets, Kokskohle sogar um 120%. Damit pendelte sich ein neues hohes Rohstoffpreisniveau ein, durch das die Kostenstruktur der Stahlproduzenten erheblich belastet wird. Produktivitätssteigerungen bleiben deshalb eine Daueraufgabe.

Die Stahlindustrie gerät auf Grund der noch immer relativ geringen Konsolidierung zunehmend in eine Sandwich-Position zwischen Rohstofflieferanten und Kundenbranchen. Während beim Stahl nur 18% der Marktanteile auf die Top 5 entfallen, sind es bei wichtigen Abnehmergruppen zwischen 30 und 66%, bei den Erzlieferanten bezogen auf die Top 3 sogar 75%. Angesichts des zunehmenden Wettbewerbsdrucks auf der Kunden- und Lieferantenseite wird die Stahlindustrie weiter konsolidieren müssen. In Europa und Japan ist dieser Prozess bereits sehr weit gediehen, und in den USA sind ebenfalls deutliche Fortschritte zu registrieren. Die chinesische Stahlindustrie ist dagegen noch stark fragmentiert, aber auch dort schafft die Regierung Rahmenbedingungen für eine Neuorientierung.

Mittlerweile rücken mehr und mehr Global Player in den Blickpunkt, die sich durch immer größere Unternehmenseinheiten und internationale Präsenz definieren. Größe an sich kann nicht das Ziel für profitables Wachstum sein. Aus Sicht von ThyssenKrupp Steel reflektieren vor allem die Positionierung im relevanten Marktsegment sowie die Wertigkeit des Produktportfolios die Zukunftsperspektiven. Auf dieser Basis werden wir bei der Konsolidierung der Stahlbranche eine aktive Rolle spielen.

Energie- und Umweltpolitik

Die Herstellung von Stahl ist mit einem Einsatz von großen Stoff- und Energiemengen verbunden. Aus diesem Grunde ist die Minderung des Material- und Energieverbrauchs bereits aus Kostengründen einer der wesentlichen Treiber der Umwelt- und Energiepolitik unseres Unternehmens. Weltweit investieren Stahlunternehmen wie wir in die Modernisierung bestehender Anlagen und in Kapazitätserweiterungen. Jedoch behindert die europäische Energie- und Umweltpolitik einen Ausbau von Produktionskapazitäten innerhalb der EU durch vielfältige Richtlinien und Gesetzesvorhaben, die in anderen Regionen nicht relevant werden. Diese Maßnahmen stehen teilweise im Widerspruch zu den Zielen des Lissabon-Prozesses der EU, die eine Entwicklung Europas zum wettbewerbsfähigsten Wirtschaftsraum der Welt bis 2010 beinhalten.

Im Februar 2005 ist das Kyoto-Protokoll in Kraft getreten. China und die USA haben es allerdings nicht ratifiziert. In der EU ist davon unabhängig bereits seit Januar 2005 der Handel mit CO2-Emissionszertifikaten vorgeschrieben. Dies zwingt Stahlunternehmen in Deutschland bei Erweiterung der Produktionskapazitäten zum Zukauf von Emissionsrechten. Anders in Österreich, England und Finnland: Stahlunternehmen in diesen Ländern haben üppige Emissionsrechte zugeteilt bekommen und können deshalb wachsen, ohne sich mit neuen kostspieligen Rechten eindecken zu müssen. Solche Emissionsrechte werden an der European-Energy-Exchange-Börse notiert. Der Preis der Zertifikate hat sich seit Mitte 2005 bei 20 €/t CO2 eingependelt und ist damit doppelt so hoch wie vorausberechnet. Zwischenzeitlich wurde im Juli 2005 sogar ein Höchstpreis von 29,35 €/t notiert. In Ländern, die das Kyoto-Protokoll ohne Verpflichtung zur Reduktion unterzeichnet haben, fallen weder Kosten für die Kyoto-Periode noch für eine „Vor-Kyoto-Periode“ wie in der EU an.

Eine Ausweitung der Roheisen- und Rohstahlproduktion am Standort Deutschland ist deshalb kaum noch möglich. Der Erwerb von Emissionsrechten würde jede zusätzlich produzierte Tonne Rohstahl um bis zu 45 € verteuern. Dies macht wirtschaftlich und sozialpolitisch keinen Sinn, weil die Verlagerung von Produktionsmengen ins Ausland und der Verlust von vielen tausend Arbeitsplätzen in Deutschland die logische Folge sind.

Entwicklung des Preises von CO2-Emissionszertifikaten 2005 €/t CO2

Grafik: Entwicklung des Preises von CO2-Emissionszertifikaten 2005

Da weltweit die Stahlnachfrage weiter steigt, wird die so in Deutschland weniger produzierte Stahlmenge im Ausland durch Altanlagen oder nicht dem hohen deutschen Standard entsprechende Neuanlagen produziert. Der globale Ausstoß von Treibhausgasen dürfte überproportional weiter ansteigen. Hinzu kommt, dass der Handlungsspielraum zur Reduktion der CO2-Emissionen bei der Stahlerzeugung relativ gering ist und nach einer durch das Wirtschaftsministerium 1999 in Auftrag gegebenen Studie nur 3% beträgt. Aus diesem Grund setzen wir uns dafür ein, dass das unterschiedliche Potenzial zur Reduktion in einzelnen Branchen in der Ausgestaltung des Emissionshandels berücksichtigt wird.

Als weiteres Beispiel für nicht hinreichend berücksichtigte Länderspezifika der EU gilt die Feinstaubregelung. Die EU hat die Grenzwerte für Feinstaub in einer Weise verschärft, dass Anlagen in Ballungsgebieten, die einen Beitrag über die natürliche Hintergrundbelastung hinaus haben, kaum noch genehmigungsfähig sind. Die aus Gründen der Optimierung von Kapazitäten in den letzten beiden Dekaden von uns vollzogene Konzentration auf den leistungsfähigen Standort Duisburg verursacht naturgemäß auch einen lokalen Emissionsbeitrag. Auf Grund der erfolgten Konzentration der Kapazitäten, die nachhaltigen Zielen wie optimiertem Energieverbrauch, minimalen Transportenergien für Rohstoffe und kurzen Wegen zum Verbraucher dient, wären nun zur formalen Erfüllung des EU-Rechts Maßnahmen weit über dem Stand der Technik gefordert. Unsere Anlagenkonfiguration mit Technologiestandards auf modernstem Niveau reicht nicht; allerdings sind die geforderten weiteren Verbesserungen derzeit nicht realisierbar.

Demographie und Mitarbeiter

Der demographische Wandel, in der aktuellen gesellschaftspolitischen Diskussion mit Schlagworten wie „Vergreisung der Gesellschaft“ oder „alternde Belegschaften“ belegt, ist für die Zukunftsfähigkeit unseres Unternehmens von überragender Bedeutung.

Dabei stellen sich mindestens zwei grundlegende Herausforderungen. Zum einen müssen wir auf eine ungünstige Alterspyramide in unserer Belegschaft reagieren. Diese ist darauf zurückzuführen, dass durch die in den letzten Jahren realisierten sozialverträglichen Personalanpassungsmaßnahmen wenig neue und junge Mitarbeiter in das Unternehmen aufgenommen wurden. Wegen des großen Anteils von Mitarbeitern über 50 erwarten wir ab dem Jahr 2011 überproportional hohe Austritte aus Altersgründen. Auf diese Entwicklung werden wir reagieren, indem wir systematische Lösungen entwickeln und umsetzen, die das durch jahrzehntelange Tätigkeit erworbene Wissen der ausscheidenden Mitarbeiter auch den nachfolgenden Generationen zur Verfügung stellen sowie verstärkt junge und gut ausgebildete Menschen langfristig an uns binden.

Zum anderen bleibt festzuhalten: In unserem Land stehen immer weniger junge Menschen immer mehr älteren Menschen gegenüber. Dies wird in der nahen Zukunft zu einem verstärkten Wettbewerb um Schulabgänger sowie Universitäts- und Fachhochschulabsolventen führen. Wir rechnen auch hier ab dem Jahr 2010 mit einem Wendepunkt. Ein momentan sehr aktuelles und in diesem Zusammenhang durchaus bedeutsames Thema sind die aktuellen Ergebnisse der ersten beiden PISA-Studien. Sowohl diese Querschnittsuntersuchungen zum schulischen Leistungsstand als auch in unseren eigenen internen Langfristuntersuchungen, die sich mit den Leistungen im Einstellungsverfahren beschäftigen, registrieren wir erhebliche Defizite im Wissensstand der Schulabgänger.

Wir stehen also vor folgender Ausgangslage: Unsere Belegschaft wird immer älter, wir brauchen verstärkt junge und gut qualifizierte Nachwuchskräfte, die jedoch zahlenmäßig immer weniger werden und dann aus heutiger Sicht noch zunehmend schlechtere Voraussetzungen mitbringen.