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Internationalisiert euch

Für den Mittelstand wächst zu Hause der Wettbewerbsdruck. Marc S. Tenbieg, geschäftsführender Vorstand des Deutschen Mittelstands-Bundes (DMB), rät zu noch mehr Exportgeschäft.

Wer gehört zu den kleinen und mittelständischen Unternehmen (kurz: KMU) und was bewegt diese derzeit?

Marc S. Tenbieg: Zur Kategorie der KMU zählen Betriebe mit bis zu 500 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von höchstens 50 Mio. Euro. Das ist eine Definition des Instituts für Mittelstandsforschung Bonn, an der auch wir uns als Mittelstandsverband orientieren. Wichtige Themen sind seit jeher die steuerliche Belastung, Personal- und Fachkräftemangel, Unternehmensfinanzierung und auch immer mehr das Transatlantische Freihandelsabkommen TTIP.

Marc S. Tenbieg ist seit 2011 gewählter Vorstand des DMB.
Marc S. Tenbieg ist seit 2011 gewählter Vorstand des DMB.

Wie lassen sich denn mit TTIP die Chancen nutzen und die Gefahren bannen?

Eine vielschichtige und recht komplexe Thematik, bei der es letztendlich auf einen Kompromiss in Sachen Geben und Nehmen hinausläuft. Da geht es einerseits um das viel zitierte „Chlorhühnchen“, andererseits um gesellschaftliche Errungenschaften wie Gewerkschaften, Arbeitnehmerrechte und Sicherheitsstandards, aber auch um die weitere Liberalisierung der öffentlichen Versorgung sowie des Bildungs- und Gesundheitswesens. Hier kommen noch viele kontroverse Diskussionen auf uns zu.

Steigt damit der Wettbewerbsdruck für den Mittelstand nicht noch mehr?

Das ist richtig. Wettbewerb belebt bekanntlich das Geschäft, der deutsche Mittelstand gerät damit leider auch im Heimatmarkt immer mehr unter Druck. Darauf müssen sich viele Betriebe einstellen und vorbereitet sein. Unternehmen müssen sich mehr denn je auch auf den Export konzentrieren, um nicht den Anschluss zu verlieren. Denn in den nächsten 50 Jahren wird 90 Prozent der weltweiten Nachfrage außerhalb Europas liegen.

Muss sich der Mittelstand schleunigst internationalisieren?

Unbedingt! Große Unternehmen und Konzerne haben einen jahrzehntelangen Vorsprung, sind global gut vernetzt und kennen die Spielregeln in diesem Umfeld. Hier müssen viele KMU mehr Erfahrungen sammeln. Mein Rat: Internationalisiert euch und denkt in größeren Dimensionen. Ein guter erster Schritt ist u. a. auch die Teilnahme an ausgewählten Wirtschaftsdelegationsreisen. So kann man sich in komprimierter Form einen Ersteindruck vom jeweiligen Auslandsmarkt machen und selber erste kleine Netzwerke und vielleicht sogar Kooperationen aufbauen.

Veranstaltet der DMB solche Reisen?

Nein, aber wir können Kontakte vermitteln und vielerlei Tipps geben. Neben den Bundes- und Landesministerien gibt es zahlreiche Organisationen und Institutionen, die derartige Reisen anbieten, beispielsweise der Euro-Mediterran-Arabische Länderverein (EMA). Diese Angebote sollte man als Mittelständler wahrnehmen.

In welchen Branchen sieht es derzeit gut aus für den Mittelstand?

Aus Gesprächen mit unseren Mitgliedsunternehmen kann ich sagen, dass es zurzeit viele Branchen gibt, in denen es gut läuft. Hierzu zählen insbesondere die Zulieferindustrie und das Angebot an Speziallösungen. Auch chemische und medizinische Produkte werden rege nachgefragt. Beratungs-, Konstruktions- und Ingenieurleistungen sind wahre Klassiker, gefolgt von Lösungen für erneuerbare Energiequellen. Zuverlässigkeit, Kreativität und Korrektheit sind Attribute, die nach wie vor mit deutschen Unternehmen verbunden werden.

Was hätte es für Folgen, wenn der Mittelstand aus Deutschland verschwinden würde?

Unser Land würde anders dastehen, als man sich das heute vorstellen kann. Es wäre auswechselbarer, hätte seine Seele verloren. Wir werden weltweit gerade auch aufgrund unserer mittelständischen Unternehmensstruktur beneidet. Unsere Wirtschaft ist nicht – wie in vielen anderen Ländern – von ein paar wenigen großen Industrieunternehmen abhängig, sondern stützt sich auf viele Säulen. Diese brechen nicht so leicht weg, wenn es mal wackelt. So haben wir auch mit Bravour die letzten großen Wirtschafts- und Finanzkrisen überwunden.


Wie würden Sie die folgenden Sätze beenden?

Wäre ich Wirtschafts- oder Finanzminister ...

... dann würde ich auch unliebsame Entscheidungen treffen müssen, die zu mehr Steuer- und Generationengerechtigkeit führen.

Deutschland ohne seine Familienunternehmen ...

... wäre wie ein Haus ohne funktionierende Statik und würde in sich zusammenbrechen.

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