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Qualität ist ein dauerhaftes Versprechen

Wir haben mit Robert Schmitt, Dekan an der RWTH Aachen, und Rudolf Schönenberg, Leiter Qualitätsmanagement bei thyssenkrupp Steel Europe, über die Definition und Messbarkeit von Qualität gesprochen.

Herr Schmitt, Herr Schönenberg, erklären Sie uns bitte: Was ist Qualität?

Schönenberg: Nun, da gibt es zunächst das persönliche Qualitätsverständnis – meine Waschmaschine soll lange halten, das Putzmittel seinen Zweck erfüllen und meine Lebensmittel sollen mir nicht schaden. Auf unsere Stahlprodukte bezogen ist Qualität ebenfalls vom jeweiligen Anspruch des Kunden abhängig. Daher ist es wichtig, genau zu wissen, wofür ein bestimmtes Produkt hergestellt wird.

Schmitt: Ich sehe das genauso. Qualität ist ein relatives Konstrukt. Bei der Erfüllung von Kundenanforderungen gibt es nicht nur eine, sondern verschiedene Dimensionen der Qualität. Die eine ist sicher die Beschaffenheit des Produktes hinsichtlich der Erfüllung seines Zweckes. Fehlerlosigkeit ist eine andere. Zuverlässigkeit, Lebensdauer, Nachhaltigkeit, aber auch das Image einer Firma spielen genauso eine Rolle. Diese Punkte sind entscheidend bei der Wahl, wo ich einkaufe: Denn als Kunde bin ich kaum in der Lage, ein Produkt in all seinen Eigenschaften zu beurteilen. Sie gehen deswegen ja auch besser zu Ihrem Lieblingsbäcker oder zum Metzger Ihres Vertrauens.

Robert Schmitt

Industrieunternehmen müssen sich vom Handwerksgedanken verabschieden.

Robert Schmitt

Demnach ist Qualität etwas Subjektives?

Schmitt: Absolut. Es gibt sogar einen Fachbegriff dafür – „perceived quality“, die wahrgenommene Produktqualität. Also das, was ich mit meinen Sinnen begreife, weil ich die Eigenschaften auf der physikalischen oder chemischen Ebene nicht mehr selbst beurteilen kann.

Rudolf Schönenberg

Der Schlüssel für Qualität liegt in der Standardisierung der Produktionsprozesse.

Rudolf Schönenberg

Hat Qualität auch etwas mit Marketing zu tun?

Schmitt: Ja, sofern man es als Unternehmen ernst nimmt. Marketing ist das Versprechen, das ich am Markt abgebe. Also: Wo positioniere ich mich? Als einer unter vielen? Als der billige August? Oder als der Verlässliche, der energieeffizient arbeitet, termingetreu abliefert, der auf Marktschwankungen reagieren und Fehler schnell beseitigen kann. Wenn man diese Kompetenz erfüllt, steht das entschieden für Qualität.

Schönenberg: Entscheidend für Qualität ist, alle diese Anforderungen zu einem Gesamtoptimum zusammenzuführen. Wie bei den Uhren hier im Museum: Alle Zahnräder müssen ineinandergreifen, so entsteht ein Werk, das zusammenspielt und alles am Laufen hält.

Schmitt: Für Industrieunternehmen ist es wichtig, sich vom „Handwerksgedanken“ zu verabschieden. Wir sind hier in einem Museum, weil es zeigt, wie ein Produkt in der Vergangenheit hergestellt wurde. Die Kunst der Industrie besteht jedoch gerade nicht darin, ein perfektes Einzelstück zu gestalten, sondern darin, dieses Versprechen dauerhaft und immer wiederkehrend abzugeben. Das ist die Gestaltungsdimension von Qualität.

Schönenberg: Projiziert man das auf uns, müssen wir ein Bandmaterial herstellen, dessen mechanische Eigenschaften immer gleich sind. So, dass beispielsweise ein Automobilkunde daraus eine Motorhaube nach der anderen produzieren kann – ob in Frankreich, Japan oder der Türkei.

Wie lässt sich das erreichen?

Schönenberg: Der Schlüssel liegt in der Standardisierung der Produktionsprozesse. Was in der Stahlindustrie nicht ganz einfach ist, da von der Stahlerzeugung bis zum Versand der unterschiedlichen Materialien eine Vielzahl an Schritten durchlaufen wird.

Schmitt: Daran sieht man, wie kompliziert das ist: Man hat unterschiedliche Startmaterialien und trotzdem muss das Endprodukt immer gleich bleiben. Das Verständnis fürs Material, die Physik und Chemie sind wichtig, aber auch für die Produktionsprozesse. Vor allem müssen die Mitarbeiter verstehen, was sie tun.

Schönenberg: Diese „operational excellence“ ist ein wichtiger Punkt. Was nicht bedeutet, dass an jeder Stelle ein Ingenieur sitzen muss. Dennoch müssen die Mitarbeiter ein Verständnis für das große Ganze bekommen und erkennen, warum Standardisierungen sinnvoll sind.

Also Transparenz auf allen Ebenen?

Schönenberg: Ja, ich brauche Transparenz in meinen eigenen Prozessen, um zu erkennen, wo eventuell etwas schiefläuft und was ich tun muss, um Streuungen zu minimieren. Darüber hinaus liefern moderne Anlagen heute unzählige Daten, die es auszuwerten gilt. Die große Herausforderung liegt in der Feststellung, welche dieser Informationen signifikant sind.

Schmitt: Und dafür braucht man Mitarbeiter, die die Prozesse verstehen, die diese Daten liefern. Aber dann ist die Zukunft vielversprechend, wenn man anhand von Materialeigenschaften vorhersagen kann, welche Parameter vorher wie einzustellen sind, um genau das gewünschte Produkt zu erhalten. Nicht durch Trial and Error, sondern auf der Basis von Daten.

Schönenberg: Gerade auch im Stahlbereich ist es elementar wichtig, diese intensiv zu nutzen. Wir brauchen die Kenntnis und die Systeme, um damit arbeiten zu können – und müssen die Mitarbeiter dafür einstellen.

Qualität als solche ist demnach permanent in Bewegung ...

Schmitt: Ganz genau. Qualitätsmanagement ist genau dieser Motor, der die Selbstzufriedenheit auflöst und ein Unternehmen immer weiter antreibt.

Schönenberg: Wir dürfen niemals zufrieden sein und müssen raus aus unserer Komfortzone, sonst bleiben wir stehen. Für einen Konzern wie unseren wäre das fatal.

Schmitt: Wer sich nicht permanent selbst hinterfragt, wird überholt. Es gibt immer mehr Wettbewerber auf den Märkten, Entwicklungen schreiten rasant voran, Produktionszyklen werden kürzer. Die Treue der Kunden schwindet. Nur wer die beste Lösung für künftige Herausforderungen hat, bekommt den Zuschlag.

KÖPFE

  • Robert Schmitt

    wollte schon immer herausfinden, wie sich auf Dauer tadellose Produkte herstellen lassen. Seit 2004 gibt er sein Wissen am Lehrstuhl für Fertigungsmesstechnik und Qualitätsmanagement der RWTH Aachen weiter. Vor drei Jahren wurde er dort Dekan der Fakultät Maschinenwesen.

  • Rudolf Schönenberg

    ist seit 35 Jahren im Konzern und übernahm Anfang des Jahres die Position des Head of Quality Management. In dieser Funktion ist der Diplom-Ingenieur dafür verantwortlich, dass thyssenkrupp Steel Europe zu jeder Zeit die Qualitätsanforderungen der Kunden erfüllt.

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