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Aufbruch am Bosporus

Blaues Wasser, grüne Hügel, ein paar abgeschiedene Dörfer – der Blick aus dem Flugzeugfenster ist geradezu idyllisch. Doch während des Sinkflugs werden die bebauten Gebiete zusehends dichter, Grünflächen seltener, die Containerschiffe auf dem Marmarameer zahlreicher. Tagelang warten sie, um sich etliche Kilometer weiter östlich durch den Bosporus zu manövrieren. Auf dem Weg ins Schwarze Meer herrscht Stau: willkommen in Istanbul.

Der Betrieb zu Wasser ist nichts im Vergleich zur Verkehrsdichte an Land. Stoßstange an Stoßstange schiebt sich die niemals endende Autokarawane über die teils bedrohlich engen Fahrbahnen. Sie teilt sich den geringen Platz mit Mopeds, Fußgängern, streckenweise sogar der Straßenbahn. Es ist nicht zu übersehen: In Istanbul herrscht rund um die Uhr Rushhour. Der Verkehr bestimmt die Stadt und den Alltag seiner rund 14 Millionen Einwohner.

Kundenbeziehungen und Vertrauen als Erfolgsfaktor

Wer hier für einen funktionierenden öffentlichen Nahverkehr sorgt, gewinnt Freunde fürs Leben. Oder auch Geschäftspartner. „Wussten Sie, dass thyssenkrupp der strategische Partner der Metrolinien in Istanbul ist?“, fragt Çetin Nazikkol. Der im Ruhrgebiet aufgewachsene Manager leitet als CEO seit knapp zwei Jahren das Regional Office von thyssenkrupp in der Türkei. Wer die Metro am Laufen hält, für den laufen auch die Geschäfte. Das liegt nicht an der Technologie, sondern an den – so Nazikkol – eigentlichen strategischen Assets eines Unternehmens: Kundenbeziehung und Vertrauen. Erstklassige Produkte, eine hervorragende Qualität und Lieferperformance müssten ohnehin eine Grundvoraussetzung sein. „Das Entscheidende ist, den Kunden in den Mittelpunkt zu rücken“, so Nazikkol.

Çetin Nazikkol

Der Kunde muss das sichere Gefühl haben, dass wir wissen, wovon wir reden. Dass wir halten, was wir versprechen und dass wir das Ziel verfolgen, ihn erfolgreicher zu machen und nicht uns selbst. Dann ist doch klar, mit wem der Kunde zusammenarbeiten möchte.

Çetin Nazikkol, CEO des Regional Office von ThyssenKrupp in der Türkei

Kundenbeziehung und Vertrauen muss man sich erarbeiten. Das geht nur vor Ort. „Sie können das nicht von Deutschland aus machen. Wer glaubt, es würde ausreichen, ab und zu mal einzufliegen, um hier Geschäfte zu machen, der irrt. Das funktioniert nicht.“ Es hat auch viel mit Respekt zu tun – besonders in der Türkei ein nicht zu unterschätzender Erfolgsfaktor. Auf das eigene Unternehmen bezogen hat Nazikkol primär die Region im Blick – nicht die Aktivitäten einzelner Business Areas oder Geschäftsbereiche. „Ich muss herausfinden, wo wir uns als thyssenkrupp hier überall einklinken können und wie wir das Beste rausholen.“ Und so fällt auf, dass manche Einheiten des Konzerns aktiver sind als andere und einige sich hier noch kaum engagieren. Aus Konzernsicht ist die Türkei auf jeden Fall ein Zukunftsmarkt par excellence – und für Steel Europe ganz besonders.

  • 2023

    feiert die Türkei das 100-jährige Bestehen der Republik. Bis dahin soll der Umbau des Landes zu einer ökonomischen und politischen Macht vollzogen sein.

Denn das Land hat viel zu bieten: Seit zehn Jahren kann es auf ein stabiles Wirtschaftswachstum von jährlich über vier Prozent verweisen. Mit ihrer Wirtschaftskraft steht die Türkei heute weltweit an 17. Stelle. Ziel für die nächsten Jahre ist ein Rang in den Top 10. Die geografische Lage ist ein weiterer Pluspunkt. Innerhalb von vier Stunden lassen sich von der Türkei aus über eine Milliarde Menschen erreichen.

  • Die Urbanisierung

    in der Türkei ist extrem. Allein neun Millionenstädte hat das Land vorzuweisen.

Ein riesiger Markt, der sich neben Europa vor allem nach Russland, Zentralasien, Afrika und in den Nahen Osten erstreckt. In fast all diesen Zukunftsmärkten sind türkische Unternehmen schon lange aktiv. Will man sie erschließen, bietet sich die Kooperation mit einem vielversprechenden türkischen Partner an, der neue Projekte plant und moderne Technologien und Werkstoffe benötigt. „Da müssen wir ansetzen, und zwar schnell“, so Nazikkol. „Asiatische Firmen machen das genauso und nutzen die Türkei außerdem, um auf den europäischen Markt vorzustoßen. Deutschland und die Türkei zählen sich gegenseitig zu ihren wichtigsten Handelspartnern. Beide Seiten sind stark aufeinander angewiesen und sich dieser Tatsache durchaus bewusst. Çetin Nazikkol zeigt ein Stunden zuvor aufgenommenes Selfie – neben sich ein ehemaliger Hamburger Bürgermeister und ein Ex-Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen. Beide unterstützen heute aktiv deutsche Unternehmen beim Markteinstieg in der Türkei. Verbindungen in Politik- und Wirtschaftsverbände beider Länder zu knüpfen, Netzwerke aufzubauen und Partnerschaften zu bilden, gehört ebenfalls zu Nazikkols Aufgaben.

Auf der Fahrt nach Gebze, wo thyssenkrupp Materials Services eine Dependance hat, zieht sich der Verkehr durch Hochhäuserviertel, durchsetzt mit halb- und schlüsselfertigen Wolkenkratzern. Eigentlich liegt Gebze über 60 Kilometer entfernt, doch Istanbul frisst sich weiter ins Umland und reicht auf anatolischer Seite bereits an den Industrievorort heran. Dass die erfolgreichste Branche der Türkei die Bauindustrie ist, glaubt man sofort. Nach China nimmt die Türkei in der Liste mit den weltweit 250 größten Bauunternehmen Platz zwei ein. thyssenkrupps Business Area Materials Services hat das Potenzial der Türkei erkannt und richtet sich neu aus: Import, Wiederverkauf und der Aufbau eines Warenlagers sind Überlegungen für die Zukunft. Derzeit nutzt Materials Services bestehende Geschäftsbeziehungen, um die gestiegene Nachfrage nach Carbonstahl und anderen Spezialprodukten zu sondieren. Kontakte mit Zulieferern der Autoindustrie gibt es bereits seit fast 20 Jahren.

  • 1,5

    Millionen Tonnen Flachstahl wird die türkische Automobilindustrie bis 2018 benötigen.

Mittlerweile zählt die Türkei zu den wichtigsten Exportmärkten von Flachstahl. „Besondere Stähle wie hochfeste Güten sind genau der Nischenmarkt, auf dem Steel Europe sich behaupten kann“, sagt Esra Çakal, die in der Türkei für die technische und kaufmännische Beratung der Autokunden zuständig ist. Neben Ford, Hyundai, Honda und Zulieferern wird vor allem Toyota von Steel Europe mit speziellen Güten beliefert. Außerdem laufen intensive Gespräche mit potenziellen Neukunden. Die Automobilbranche ist der größte Exporteur der Türkei und wird von der Regierung besonders unterstützt. In nächster Zeit stehen große Investitionsmaßnahmen im Stahlbereich an, bei denen das Know-how aus Duisburg gefragt ist: Hybrid, Elektroband, Leichtbau. „Die Forschungsergebnisse unseres InCar®plus Projekts sollten unbedingt auch in der Türkei präsentiert werden“, so Çakal. „Zwar sind die Entwicklungsabteilungen der großen Automarken noch nicht vor Ort, aber wir haben hier mehrere Tausend Zulieferer, mit deren Produkten sich ein komplettes Auto bauen ließe.“

  • In der Metropolregion Istanbul

    leben 20 Prozent der türkischen Gesamtbevölkerung.

Angesichts der Bauprojekte in der Megacity Istanbul und dem Rest des Landes bieten sich blendende Chancen insbesondere für Steel Europe: Bereits im Bau befindet sich der dritte Flughafen der Stadt. Mit einer Kapazität von über 150 Mio. Passagieren sollen hier dreimal so viele Reisende abgefertigt werden wie am deutschen Drehkreuz in Frankfurt. Das wäre Weltrekord. Ein ebenso gigantisches Unterfangen wird die Autobahn von Istanbul nach Izmir, inklusive einer vierten riesigen Hängebrücke über den Bosporus. Aufgrund des permanenten Verkehrskollapses bietet das Ballungszentrum außerdem ideale Voraussetzungen für das InnoCity-Projekt – das Infrastrukturkonzept aus Stahl von thyssenkrupp für die urbane Mobilität der Zukunft. Landesweit müssen aufgrund der hohen Erdbebengefahr in den nächsten Jahren landesweit bis zu 6 Mio. Häuser abgerissen und neu gebaut werden. Bis 2023 will die Türkei zudem 30 Prozent ihres Stroms aus erneuerbaren Ressourcen gewinnen, wofür sie unter anderem in Windkraft investieren wird. Mit anderen Worten: In der Türkei wartet viel Arbeit auf Steel Europe.

KÖPFE

  • Aykut Canpolat

    hat türkische Wurzeln und ist in Duisburg aufgewachsen. Er reist seit drei Jahren regelmäßig in die Türkei, um den Geschäftsbereich Grobblech zu vertreten.

  • Çetin Nazikkol

    hat ebenfalls türkische Wurzeln und ist in Duisburg aufgewachsen. Er zog vor zwei Jahren ins Land seiner Eltern, um das Regionalbüro von ThyssenKrupp zu leiten.

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