Skip Navigation
Dr. Martin Goede

Warum arbeiten Volkswagen und thyssenkrupp Steel Europe beim Fahrzeugleichtbau so eng zusammen? Und weshalb ist eine frühe Kundeneinbindung gerade in diesem Bereich so wichtig? Ein Gespräch mit Dr. Martin Goede, Leiter Technologieplanung und -entwicklung bei Volkswagen.

Dr. Goede, der Polo R WRC – die Straßenversion des Rallye-Weltmeister-Autos von Sébastien Ogier – hat serienmäßig eine Frontklappe aus dem Stahlhybridwerkstoff litecor®. Wie kam es dazu?

Für Volkswagen ist Leichtbau ein zentraler Baustein bei unserem Vorhaben, den Flottenverbrauch nachhaltig zu reduzieren. Gleich nach der Antriebseffizienz – also dem Senken der Motoremissionen – hat der Karosserie-Leichtbau das höchste Einsparpotenzial. Nun sind wir als Europas führender Autokonzern ein Hersteller mit großen Stückzahlen, vor allem im mittleren bis niedrigen Preissegment. Gewichtsreduktion muss für uns bezahlbar bleiben. Insofern sind innovative Lösungen der Stahlindustrie mit attraktivem Preis-Leistungs-Verhältnis für Volkswagen sehr reizvoll. thyssenkrupp Steel Europe hat uns mit dem Produkt litecor® überzeugt. Es ist ein hochmoderner Materialmix, der weitgehende Gewichtsersparnis möglich macht. litecor® verbindet die sehr guten Produkteigenschaften mit der wirtschaftlichen Nutzung herkömmlicher Fertigungsanlagen.

Sprich, man muss nicht gleich eine neue Fabrik bauen, um litecor® einzusetzen.

Genau. Der Werkstoff kann auf Anlagen verarbeitet werden, auf denen wir auch monolithische Stahlbleche formen und fügen. Seit drei Jahren entwickeln wir litecor® gemeinsam für die Großserie. Die Frontklappe des Polo R WRC war für uns ein solches Szenario, das erfolgreich umgesetzt wurde. Der Polo R WRC eignete sich bestens als Pilotprojekt – er wurde in limitierter Auflage von 2.500 Stück hergestellt. Für diese Größenordnung reichte die Pilotanlage von Steel Europe aus. Um jedoch einen Werkstoff für den Einsatz im Golf, Polo oder Passat zu testen, brauchen wir reale Produktionsbedingungen. Daher planen wir, erst ab 2016 ausgewählte litecor®-Bauteile in Großserien einzusetzen.

Dr. Martin Goede
Dr. Martin Goede von Volkswagen ist Experte, wenn es um Prozesse und Technologien für die Produktion des Automobils von morgen geht.

Eine Besonderheit bei litecor® ist die enge Kooperation zwischen Werkstoffexperten und Kunde zu einem sehr frühen Entwicklungszeitpunkt. Welchen Vorteil hat dies für beide Seiten?

Je früher eine solche Zusammenarbeit beginnt, umso effizienter können wir es dem Hersteller ermöglichen, sein Produkt für unseren Einsatzzweck zu qualifizieren. Davon profitieren beide. Wir arbeiten nicht nur bei der Werkstoffentwicklung eng zusammen, sondern ebenso bei der Weiterentwicklung der Fügetechnik sowie der Anpassung unserer Anlagen an neue Materialien. Da wir einen eigenen Werkzeugbau haben, können wir wichtige Hinweise liefern, damit die Hersteller ihr Produkt genau so konzipieren, wie es am Markt gebraucht wird. Die Entwicklungsdauer lässt sich so signifikant verkürzen.

Für welche Autoteile eignet sich litecor® besonders?

Für den Leichtbau flächiger Bauteile mit hohen Steifigkeitsanforderungen in der Karosserie – etwa Türen, Heckklappe und Motorhaube – sowie für Innenteile wie die Hutablage. Voraussichtlich werden wir litecor® zunächst in nicht sichtbaren Karosserie-Bauteilen einsetzen, später auch in Außenhautanwendungen.

Welche Eigenschaften sollten künftige Werkstoffe im Automobilbau haben?

Weniger Gewicht bei gleichen Eigenschaften sowie mehr Festigkeit bei höherer Dehnung sind das Ziel. Wir wissen, dass in der Karosserie die meisten Kilos „vergraben“ sind – etwa ein Drittel des Gesamtgewichts eines Pkw. Daher lohnen sich leichtere Materialien hier besonders. Zukünftige Werkstoffe sollten genauso wirtschaftlich, jedoch wesentlich leichter sein.

Bestehen bald alle Volkswagen nur noch aus litecor®?

Keineswegs, ein Sandwich-Material kann die verschiedenen Karosserie-Anforderungen nie allein abbilden. Für besonders sicherheitsrelevante Teile werden wir auch künftig warm- und kaltgeformte Stahlbleche einsetzen. Bei Volkswagen dürften metallische Bauweisen auf absehbare Zeit dominierend bleiben. Wobei der Anteil der Hybride steigt. Intelligente Kombinationen sind gefragt: Der Mix macht’s.

nach oben