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Dr. Heribert R. Fischer Matthias Horx

Wer wünscht sich nicht einen Daniel Düsentrieb?


Nur wer innovativ ist, überlebt im globalen Wettbewerb. Wie aber schafft ein Unternehmen dafür beste Voraussetzungen? Ein Gespräch zwischen thyssenkrupp Steel Europe Vorstand Dr. Heribert R. Fischer (l.) und dem Trendforscher Matthias Horx.

Herr Horx, wie viel Innovationskraft steckt in der deutschen Wirtschaft?

Matthias Horx: Das ist von Branche zu Branche unterschiedlich. Generell wird Deutschland von anderen Ländern beneidet um seine Tradition gradueller Innovation. Der berühmte deutsche Mittelstand schafft es, Güter und Prozesse ständig so weit zu verbessern, dass sie nicht einfach kopierbar sind. Das ist der entscheidende Vorteil im globalen Wettbewerb.

Herr Fischer, wie innovativ ist thyssenkrupp Steel Europe?

Heribert R. Fischer: Sehr innovativ, wenn ich mir die Werkstoffe anschaue, die wir derzeit entwickeln. Mit unseren hochfesten Stählen mit Nanopartikeln und den Sandwich-Produkten mit Kunststoff oder Carbon als Zwischenlage bieten wir völlig neue Leichtbaulösungen. Und mit neuen Simulationstechniken können wir den Einsatz unserer Werkstoffe beim Kunden präzise vorausberechnen. Diese enge Zusammenarbeit mit unseren Kunden ist für Innovationen heute enorm wichtig. Ein weiteres Beispiel ist die Initiative thyssenkrupp InCar® plus. Hier werden wir gemeinsam mit thyssenkrupp Components Technology demnächst mehr als 40 neue Lösungen für die Automobilindustrie anbieten.

Dr. Heribert R. Fischer Matthias Horx
Stahlmanager trifft Zukunftsforscher: Dr. Heribert R. Fischer (l.) und Matthias Horx.

Heute haben wir eine andere Architektur von Innovationsprozessen.

Trendforscher Matthias Horx

Matthias Horx: In der Industrie zeichnet sich ein Prozesswandel ab. Früher hat man eine Gruppe von Technikern in den Keller geschickt und gesagt: Jetzt bastelt mal ein paar Jahre. Heute gibt es eine ganz andere Architektur von Innovationsprozessen. Diese kann die Unternehmensführung nicht erzwingen, sie muss wachsen. Das Ergebnis ist kollaborative Innovation. Wissen wird nicht mehr nur innerhalb des Unternehmens geschaffen, sondern von vornherein im Austausch mit Kunden.

Wie wird das Stahlgeschäft in zehn Jahren aussehen?

Matthias Horx: Schauen wir noch weiter in die Zukunft. Dann wird ein Stahlwerk, nennen wir es besser Ferrobasiswerk, weil da viele Moleküle hin und her geschoben werden, eine weiße Halle sein mit modular veränderbaren räumlichen Situationen. Darin arbeiten im Wesentlichen Techniker und Kontrolleure. Das kommt den Utopien der 1960er-Jahre mit ihren menschenleeren Fabriken schon sehr nahe.

Heribert R. Fischer: Menschenleere Fabriken wird es aus unserer Sicht nie geben. Aber wir werden noch weniger manuelle Tätigkeiten in unseren Werken haben. Nach wie vor erforderlich sind jedoch gut ausgebildete Mitarbeiter, die Prozesse überwachen und optimieren und die Qualität sicherstellen.

Innovation ist ein Verknüpfen vieler feiner Fäden.

Trendforscher Matthias Horx

Vielleicht verändert ja auch eine geniale Idee die Stahlindustrie?

Matthias Horx: Ein Big Bang findet sich in der Innovationsgeschichte nur ganz selten. Wir sollten uns auch verabschieden von Daniel Düsentrieb und der Erfindung einer Maschine, die aus Schlacke Gold macht. Letztlich ist Innovation ein Verknüpfen vieler feiner Fäden. Und das permanente Öffnen eines Unternehmens – in die Gesellschaft hinein, aber auch in andere Branchen, die auf den ersten Blick nichts gemeinsam haben.

Heribert R. Fischer: Wer wünscht sich nicht einen Daniel Düsentrieb? Fakt ist aber, dass unsere Innovationen von Teams entwickelt und vorangetrieben werden. Deswegen binden wir alle Mitarbeiter ein und rollen die besten Ideen als Prozess aus. Dabei müssen wir das Tempo erhöhen und die Entwicklungszeiten verkürzen: von fünf auf drei Jahre, bis ein Produkt marktreif ist, um damit näher an den Entwicklungszyklen unserer Kunden zu sein.

Matthias Horx

Wissen wird nicht mehr innerhalb des Unternehmens geschaffen, sondern im Dialog mit Kunden.

Matthias Horx

Wie viele Querdenker muss sich ein Unternehmen leisten?

Matthias Horx: Querdenker allein reichen nicht aus. Unter 100 Mitarbeitern braucht ein Unternehmen drei bis vier loyale Störer. Besserwisser, die als nervig empfunden werden, aber tatsächlich viel Erfahrung haben und dem Unternehmen eng verbunden sind.

Heribert R. Fischer (lacht): Also, ob es gleich Störer sein müssen, weiß ich nicht. Aber Innovation braucht Mitarbeiter, die viel Wissen und Erfahrung haben und gleichzeitig offen und neugierig an Sachen herangehen, indem sie einfache Fragen stellen, die Dinge manchmal in einem ganz neuen Licht erscheinen lassen. Ein solch innovatives Klima stärkt nicht nur unsere Wettbewerbsfähigkeit. Es ist auch entscheidend für eine hohe Kundenorientierung und Attraktivität als Arbeitgeber.

Dr. Heribert R. Fischer

Wir brauchen Neugier und Freiräume, um auch mal was auszuprobieren.

Dr. Heribert R. Fischer

KÖPFE

  • Matthias Horx

    Einst Redakteur bei der „Zeit“, gründete Horx 1996 das Zukunftsinstitut. Als Berater und Autor beschäftigt er sich mit den Wechselwirkungen von sozialen, technologischen, ökonomischen und politischen Trends.

  • Heribert R. Fischer

    Im Vorstand von thyssenkrupp Steel Europe ist als promovierter Ingenieur für Vertrieb und Innovation verantwortlich. Zuvor war er in anderen Leitungsfunktionen für das Unternehmen tätig, auch vier Jahre in China.

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