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Tagespresse, 29.05.2015, 11:31

Ismail Türker auf dem Weg zum König der Kugeln: Auszubildender von ThyssenKrupp Steel Europe nimmt an der Europameisterschaft im Snooker teil

Ismail Türker TKSE
Meister der mentalen Stärke - ThyssenKrupp Steel Europe Azubi Ismail Türker nimmt an der Snooker-EM in Prag teil.

Sein Vater wollte ihn zum Fußballer machen, aber eine Verletzung in der Jugend beendete den Weg zum Profi-Kicker. Ballkünstler ist er dennoch geworden. Ismail Türker tauschte Stollenschuhe gegen feine Lederbesohlung, Rasen gegen grünen Filz und erspielte sich in den NRW-Landes-meisterschaften U19, U21 sowie bei den Herrenmeisterschaften jeweils den ersten Platz. Das Mit-glied des Essener Snooker-Clubs 147 trat gegen Größen wie Mark Selby und Alfie Burden an. Nun wird der Auszubildende von ThyssenKrupp Steel Europe in Duisburg bei der Europameisterschaft vom 2. bis 13. Juni in Prag für die Türkei teilnehmen und mit 127 Spielern um den Titel spielen.

Snooker, das ist die britische Traditionssportart, die in Deutschland durch Live-Übertragungen des Fernsehsenders Eurosport populär wurde. Die edle Variante des Billards gilt als Gentlemen-Sport, der Konzentrationsfähigkeit über Stunden, Körperbeherrschung und physikalisches Verständnis erfordert. Denn wer die Kugel milimetergenau über den 3,6m langen Tisch befördert, muss mit Winkeln, Rotationsenergien und Aufprallgeschwindigkeiten rechnen können. Drei Jahre Trainingszeit brauchte Türker, um die Technik zu erlernen, bei der bereits als Foul gilt, eine Kugel mit dem Ärmel zu berühren und als Ziel, die Kugeln in einer bestimmten farblichen Reihenfolge nach einem Punkte-system zu versenken. Gelingt dies nicht, versucht man dem Gegenspieler die Möglichkeiten des ein-fachen Anspielens zu nehmen, indem die nächste Spielkonstellation möglichst ungünstig platziert wird. Dieses gewiefte Austricksen wird „snookern“ genannt.

Das allein macht allerdings noch nicht die Faszination des durch TV-Übertragungen populär gewor-denen Sports aus, der in Deutschland 4000 Vereinsspieler begeistert und im Mutterland Großbritan-nien etwa sechs Millionen. Sie beginnt, wenn die Spieler ihre technische Brillanz zu nutzen wissen, um die Bälle mit scheinbarer Leichtigkeit, wie am Schnürchen, in die Netze laufen lassen, ihnen das fieberhafte Kombinieren und die Suche nach der richtigen Stoßvariante anzusehen sind.

Im Spielmarathon zählt jeder Zug: „Snooker erfolgreich zu spielen bedeutet für mich, den eigenen Adrenalinpegel nicht nur auszuhalten, sondern im Match mit dem Gegner positiv zu nutzen“, so der 23-Jährige, der im Turnier-Krimi unter Scheinwerfern und spannungsvoller Ruhe versucht los zu lassen - und auf das instinktive Abrufen seiner Technik zu vertrauen - sich „in the zone“ zu spielen, wie die Briten es nennen, wenn Spieler einen Tunnelblick auf Bälle und Tisch kriegen.

Acht Stunden pro Tag, sechs Tage die Woche trainierte Türker als Teenager. Ähnlich wie Musiker, die ihr virtuoses Spiel dem stundenlangen Üben derselben Stücke verdanken, legte er sich unzählige Male die gleichen Kugel-Konstellationen auf das Grün. Als 16-Jähriger ließ er sich drei Monate lang von einem Coach begleiten, seitdem optimiert er seine Spielweise selbst, feilt an Körperhaltung, Strategie und Stoßtechnik. Snooker ist kein Sport für Gelegenheitsspieler und bereits minimale Ver-änderungen an Stand oder Armposition können den perfekten Stoß ausmachen. Oder den Fehler, der den Gewinn kostet. „Bei einem verzogenen Stoß ist das Spiel bei der EM vorbei“, so Türker, der hofft, sich unter die besten 16 zu spielen.

Als höchste Spielkunst gilt das „Maximum Break“, wenn alle Kugeln in einer bestimmten Reihenfolge in die Netze gespielt werden, ohne dass der Gegner eine Chance hatte, überhaupt an den Tisch zu treten. Auch Weltstars gelingt dieser Coup, der mit 147 Punkten geadelt wird, gar nicht oder nur selten. Bereits die 100er Marke zu erreichen, gilt als Topleistung. Türker schaffte schon 112 Punkte. Vor einigen Jahren qualifizierte er sich für die Turniere im Traditionsland England, wo junge Talente Karriere machen können. Aufgrund seiner türkischen Staatsangehörigkeit wurde ihm die Einreise verwehrt und damit auch die Möglichkeit, Vollprofi zu werden.

Auf riskante Manöver zu verzichten, Chancen zu erkennen und Konstellationen mit geraden Linien zu spielen, die realistisch zum Sieg führen – auch das macht Snooker aus. Mit dieser Einstellung suchte Türker nach einem Beruf mit Praxisbezug und Entwicklungsmöglichkeiten. Auf dem Weg zum Ver-fahrensmechaniker arbeitet er sich derzeit in die Produktion von Roheisen ein. „Seine zielstrebige Art kommt Ismail Türker nun auch bei der Ausbildung zugute“, sagt Volker Grigo, Leiter des Talentma-nagements bei ThyssenKrupp Steel Europe. Die Freude am Snooker-Sport ist dem Azubi geblieben, ebenso wie sein Talent. Denn zwei bis drei Trainingseinheiten pro Woche reichten ihm aus, um sich für die diesjährigen Europameisterschaften zu qualifizieren. Und gegen seinen Chef zu gewinnen, wenn er den Hobby-Snookerspieler auf Turnieren trifft: „Er lernt etwas von uns, und am Snookertisch lerne ich etwas von ihm“, so Grigo augenzwinkernd zu den sportlichen Niederlagen gegen seinen Lehrling, der nach der Ausbildung zum Verfahrensmechaniker den Weg zum Meister bei Thys-senKrupp Steel Europe einschlagen möchte.

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