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Tagespresse, Fachpresse, 28.10.2015, 10:51

Nach 40 Jahren am Herd des „Schifferheim“: Harald Godemann legt den Kochlöffel beim Stahlkocher zur Seite – Einzigartiges Restaurant auf dem Werkgelände in Duisburg wird umgebaut

Harald Godemann legt den Kochlöffel beim Stahlkocher zur Seite
Gibt den Kochlöffel ab: Nach 40 Jahren am Herd verabschiedet sich Harald Godemann vom „Schifferheim“, dem einzigartigen Restaurant auf dem Werkgelände von ThyssenKrupp Steel Europe. Wie zu sehen ist, ist gutbürgerliche Küche auch heute noch Godemanns Markenzeichen.

Er gehört zur Hütte wie Kohle und Erz; aber einmal ist auch für ihn Schluss: Zum Ende des Monats legt Harald Godemann den Kochlöffel zur Seite und schaltet den Herd im Restaurant „Schifferheim“ ab. Nach 40 Jahren geht der Küchenchef in den Ruhestand und damit verabschiedet sich ein kleines Stück Firmengeschichte vom Werkgelände im Duisburger Norden. Das gilt aber nicht für das „Schifferheim“. Das traditionsreiche Gasthaus mit Blick auf den Hafen Schwelgern wird umgebaut und modernisiert, soll dabei aber seinen Charme nicht verlieren. Früher war in diesem Gebäude das ehemalige Hafenamt untergebracht und diente dann von 1970 an als Restaurant. Mitte nächsten Jahres will ThyssenKrupp Steel Europe das „Schifferheim“ neu eröffnen, dann aber als Begegnungsstätte mit Kunden und Mitarbeitern unter anderem auch mit zusätzlichen Seminar- und Veranstaltungsräumlichkeiten.

Gutbürgerliche Speisen waren das Markenzeichen

Wer isst heute eigentlich noch Eisbein? Eine Besuchergruppe aus Russland, weiß Godemann zu berichten. Zu seinen Anfangszeiten stand dieses Gericht noch häufiger auf der Speisekarte. Mittlerweile wird öfter nach Fisch gefragt. Nur Godemanns Eintöpfe laufen noch wie eh und je. Gutbürgerliche Küche war und blieb vier Jahrzehnte lang sein Markenzeichen. Den Gästen scheint es offenbar geschmeckt zu haben, auch wenn das in keiner Restaurantkritik ablesbar ist. Das liegt daran, dass im „Schifferheim“ nur speiste, wer etwas mit der Hütte im Duisburger Norden zu tun hatte, also Mitarbeiter, Kunden oder Besucher von Werkführungen. Geschäftsessen, Arbeitssitzungen, Seminare oder Pressegespräche fanden in dieser urigen Umgebung statt. Für den Chef des Hauses bedeutete das immer: Jeden Morgen um vier Uhr früh aufstehen, manchmal bis Mitternacht arbeiten, wenn eine Gesellschaft die Kegelbahn im Untergeschoss verließ. „Urlaub hatte ich die letzten 20 Jahre keinen“, erinnert sich Godemann.

Für die drei Töchter ging der Schulweg über das Werkgelände

Zum „Schifferheim“ kam der damals beim „Wienerwald“ in Karlsruhe Beschäftigte über eine Zeitungsanzeige. Die Familie mit den drei Töchtern bezog 1975 die Wohnung über den Gaststuben und musste sich erstmal an das Leben bei einem Stahlhersteller gewöhnen. Der Schulweg ging über das Werkgelände und jeder Besucher musste sich beim Pförtner anmelden. „So wusste ich dann immer rechtzeitig Bescheid, wenn die späteren Freunde meiner Töchter kamen“, berichtet Godemann lächelnd. „Als ich hierherkam, kannte ich keinen einzigen Menschen“, erzählt der heute 69-Jährige. Das sollte sich rasch ändern. Mittlerweile kennt Godemann jeden und jede, hat stets ein offenes Ohr, sah Leute auf ihrem Karriereweg oder verabschiedete sich von Weggefährten, die in den Ruhestand gingen. Auch wenn nicht jeder mit seinem ruppigen Charme klarkam, er sprach mit jedem so wie ihm der Schnabel gewachsen war, egal ob einfacher Stahlkocher oder Vorstandschef, und passte so ideal zu einem Montanbetrieb mitten im Ruhrgebiet.

Abschied vom traditionsreichen „Schifferheim“ fällt dem 69-Jährigen schwer

„Ich war immer selbstständig und der Einzige auf der Hütte, der Miete und sein eigenes Personal bezahlt hat“, beschreibt Godemann. Deshalb wirkten sich Stahlkrisen in den vergangenen vier Jahrzehnten auch unmittelbar auf sein Geschäft aus. Gut besucht war immer seine Kantine mit Kiosk an der Seite des „Schifferheim“, wo er schon früh Currywurst anbot. Den Wandel auf der Hütte begleitete Godemann, an seine Kochtöpfe ließ er ihn nicht heran. Spielereien, viel Geld für wenig Essen auf dem Teller, das allzu Leichte, waren seine Sache nie. „Ich koche bodenständig“, bekräftigt der joviale Küchenchef und denkt sich wahrscheinlich ein Ausrufezeichen am Ende des Satzes. Der Wandel macht aber auch vor ihm nicht halt; Godemann hört Ende Oktober auf. „Für mich ist das nach 40 Jahren hier im Betrieb eine ziemliche Umstellung“, weiß der Gastronom, dass ihm der Abschied schwerfallen wird. Und was macht er, wenn im „Schifferheim“ Schluss ist? „Ich wohne in Kevelaer und kann mich dann mehr um meine Frau kümmern“, schaut Godemann nach vorn. „Dann koche ich eben zuhause und den Eintopf bekommt die Nachbarschaft.“

Vorläufer des Gästehauses „Schifferheim“ geht auf das Jahr 1906 zurück

Die Gewerkschaft Deutsche Kaiser (später August Thyssen-Hütte) errichtete 1906/07 für die Verwaltung des neuen Hafens Schwelgern das sogenannte Hafenamt. Etwa gleichzeitig wurde das ebenfalls neu errichtete „Schifferheim“, ebenfalls am Hafen Schwelgern gelegen, in Betrieb genommen. Im „Schifferheim“ war ein kleiner Verkaufsladen für die Schiffsmannschaften, ein Aufenthaltsraum für die Hafenarbeiter sowie eine Kantine vorhanden. Ob es dort auch Übernachtungsmöglichkeiten gab, ist nicht überliefert. Das alte „Schifferheim“ wurde 1973 abgerissen. Das Gebäude des alten Hafenamts wurde schließlich Ende der 1960er-Jahre umgebaut und diente seit 1970 als neues „Gästehaus Schifferheim".

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