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Mehr Raum für Kreativität

Die Innovationskraft Deutschlands lässt sich nur halten, wenn sowohl die Industrie als auch die Ingenieure selbst zu Veränderungen bereit sind.

Ein Gespräch mit Ralph Appel, Direktor des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI).

(Interview: Judy Born)

Vor welchen Herausforderungen stehen Ingenieure heute?

Als rohstoffarmes Land sind wir künftig noch viel stärker auf unsere Innovationskraft – unseren Erfindergeist, wenn Sie so wollen – angewiesen. Nehmen Sie das Thema, das derzeit jedes Unternehmen umtreibt: Industrie 4.0. Durch die digitale Vernetzung werden sich Produktionsabläufe und Geschäftsmodelle radikal verändern. Damit steigt die Komplexität dessen, was Ingenieure leisten müssen.

Das bedeutet?

Fachwissen allein reicht nicht mehr aus. Es muss um grundlegende IT- und Software-Kenntnisse ergänzt werden, um zu verstehen, wie Prozesse funktionieren und gesteuert werden können. Und es wird stärker notwendig, interdisziplinär zu arbeiten. Die technische Entwicklung der Ingenieure auf der einen und das kaufmännische Handeln auf der anderen Seite funktioniert nicht mehr getrennt voneinander. Der Ingenieur wird in Zukunft auch die ökonomische Seite genauer verstehen müssen.

Digitales Aufschlauen allein reicht also nicht aus?

Nein, die Zusammenarbeit über Fachgrenzen hinweg ist ebenso wichtig. In der Vergangenheit haben sich Ingenieure, im wahrsten Sinne des Wortes, entweder konstruktiv mit Stahl, Eisen oder dem Automobilbau beschäftigt oder mit der Elektrik und Elektronik. Doch gerade an der Autoindustrie sieht man, wie die beiden Bereiche immer mehr zusammenwachsen. Beim Auto kommt es heute viel mehr auf die Elektronik, nicht nur auf die Mechanik an.

Ralph Appel, Direktor des VDI
Ralph Appel ist Direktor und geschäftsführendes Mitglied des Präsidiums VDI Verein Deutscher Ingenieure e.V. und Geschäftsführer der VDI GmbH.
IT-Verständnis, Interdisziplinarität, was kommt noch auf die Kollegen zu?

Die Kommunikationsanforderung wird wachsen. Stakeholder wie Aktionäre, Mitarbeiter, Kunden, aber auch die Öffentlichkeit wollen und müssen stärker miteinbezogen werden. Für den Erfolg eines neuen und insbesondere großen Projekts ist es entscheidend, diese frühzeitig mit ins Boot zu holen. Die Interessen mehrerer, oft unterschiedlicher Gruppen müssen berücksichtigt werden. Ob im Unternehmen selbst oder außerhalb.

Ingenieure müssen also intensiver nach außen agieren?

Ganz genau. Es geht darum, bereits in einer frühen Phase der Entwicklung in einen ernsten Dialog zu treten und gemeinsam zu überlegen, welche Variante eines Projekts nicht nur technisch, sondern ebenso gesellschaftlich die akzeptabelste ist. Überzeugen statt Überreden heißt hier die Devise.

...in vielen Unternehmen herrscht noch eine zu starre Arbeitsorganisation. Interdisziplinäres Arbeiten erfordert neue Arbeitsmodelle und das Zulassen von Fehlern.

Ralph Appel
Wie macht der VDI seine Mitglieder fit für die Zukunft?

Wir bieten ganz konkret Schulungen für Einzelpersonen, Firmen und Projektträger an. Es gibt wissenschaftliche Mitarbeiter, die Vorlesungen an Hochschulen halten, um schon den Nachwuchs für wichtige Themen zu sensibilisieren. Mit dem Wissensforum haben wir eine eigene Bildungsakademie, an der sich jährlich bis zu 30.000 Ingenieure zu allen möglichen technologischen, aber auch Softskill-Themen schulen lassen. Wir bieten wichtiges Zusatzwissen an. Denn eins ist klar: Es reicht nicht mehr aus, mal studiert zu haben. Spätestens im Zuge der digitalen Transformation bedarf es eines lebenslangen Lernens. Hierbei bieten wir als VDI Hilfestellung.

Wie machen Sie das?

Wir widmen uns beispielsweise in diesem Jahr schwerpunktmäßig dem Komplex Arbeit 4.0. Denn das Arbeitsleben wird sich ebenfalls verändern. Dabei stimmen wir uns inhaltlich aktuell auch eng mit dem Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart ab. Wir veranstalten Symposien, laden dazu Vertreter der Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit ein und klären über wichtige Zukunftsthemen auf.

Welches Arbeitsumfeld wünschen Sie sich für Ingenieure?

Die Kollegen benötigen mehr Raum für Kreativität. Damit meine ich nicht, dass wir zwingend ein deutsches Silicon Valley brauchen, aber in vielen Unternehmen herrscht noch eine zu starre Arbeitsorganisation. Interdisziplinäres Arbeiten erfordert neue Arbeitsmodelle und das Zulassen von Fehlern. Nicht beim fertigen Produkt, aber während einer Entwicklung muss es auch zu Irrtümern und Trugschlüssen kommen dürfen. Hier müssen wir mutiger werden.

Hier sind sicher die Unternehmen gefragt ...

Absolut. Wobei das nicht nur für die Ingenieure zutrifft. Das ist ein Generationenthema. Wir brauchen generell zeitgemäße Arbeitsmodelle und weniger patriarchische Strukturen. Daran müssen wir weiter arbeiten, wenn wir die Flexibilität und Innovationskraft hierzulande halten und sogar erhöhen wollen.

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