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„Stahl macht Elektromobilität für viele Autofahrer erst erschwinglich.“

Der CEO von thyssenkrupp Steel, Andreas J. Goss, ist sicher, dass der Werkstoff Stahl auch künftig seine Wandelbarkeit unter Beweis stellt, ob für Fahrzeuge mit konventionellem oder elektrischem Antrieb.

Herr Goss, nach zehn Jahren ist thyssenkrupp in diesem Jahr wieder auf der IAA. Warum?

Goss: Die Automobilindustrie ist mit rund 400 Milliarden Umsatz die bedeutendste Branche in Deutschland und zugleich entscheidender Treiber für den technischen Fortschritt. thyssenkrupp ist seit Jahrzehnten enger Partner der Autoindustrie und erzielt rund ein Viertel seines Umsatzes mit Produkten und Dienstleistungen rund ums Auto. Die Industrie befindet sich gegenwärtig in einem tiefgreifenden Umbruch. Für uns ist das der richtige Zeitpunkt, aufder IAA in einen intensiven Dialog über die Zukunftsthemen der Mobilität zu treten.

Was versprechen Sie sich vom Auftritt bei der IAA?

Goss: Die IAA ist die weltweit größte automobile Leitmesse. Sie bringt Hersteller und Zulieferer zusammen und repräsentiert die gesamte Wertschöpfungskette der Branche. Damit ist sie eine bedeutsame Bühne für Technologien, Entwicklungen und Trends. Wir sehen die Messe als Forum, um uns mit Experten der internationalen Autoindustrie intensiv auszutauschen und gemeinsam künftige Anforderungen zu erkennen, zu definieren oder auch neu zu bewerten. Wir wollen die IAA als Hebel nutzen, Zulieferer und OEMs bei der Transformation ihrer Industrie noch zielgerichteter zu unterstützen.

Wie sieht diese Unterstützung aus?

Goss: Die Fahrzeugindustrie wandelt sich radikal: OEMs entwickeln sich über die reine Fahrzeugproduktion hinaus zu Mobilitätsdienstleistern und Internetkonzerne wie Google steigen in die Autoproduktion ein. Lang gültige Wertschöpfungsgrenzen lösen sich auf. Vom autonomen Fahren bis zur Elektromobilität muss die Autoindustrie mehrere Entwicklungsstränge gleichzeitig verfolgen. Das erfordert enorme Investitionen bei gleichzeitig hohem Kostendruck. Wir haben als Werkstoffpartner einen überblick über die gesamte Branche und die sich ändernden Anforderungen. Fahrzeuge mit konventionellen Antrieben können weiterhin von unseren wirtschaftlich attraktiven Stahlleichtbaulösungen profitieren. Wir sind aber genauso bereit, den Umschwung zur Elektromobilität mit dafür passenden Materialkonzepten zu begleiten.

Wir wollen die IAA als Hebel nutzen, Zulieferer und OEMs bei der Transformation ihrer Industrie noch zielgerichteter zu unterstützen.

Andreas J. Goss, CEO von thyssenkrupp Steel

thyssenkrupp wird also für beide Antriebsarten neue Werkstoffe bereitstellen?

Goss: Ganz genau. Für die Elektromobilität steht die Weiterentwicklung unserer Elektrobandsorten im Fokus, um die Motoren noch effizienter zu machen und damit die Reichweite der Autos zu erhöhen. Das ist im Übrigen neben den Kosten ein weiterer zentraler Aspekt für die Akzeptanz von Elektroautos. Für konventionell angetriebene Autos treiben wir vorrangig hochfeste, gewichtsparende Lösungen weiter voran – sowohl für die Warm- als auch für die Kaltumformung. Das können beispielsweise Weiterentwicklungen für den Einsatz in crashrelevanten Bereichen sein, mit denen der Autobauer ohne Einbußen beim Insassenschutz Gewicht sparen kann.

Hat der Leichtbau für Elektrofahrzeuge noch eine Bedeutung?

Goss: Wir gehen davon aus, dass das Thema Leichtbau bei Elektrofahrzeugen neu bewertet wird. Prinzipiell gilt: Je leichter ein Auto ist, desto größer ist seine Reichweite. Aber dieser Gewichtseffekt ist viel geringer, als man denkt. Wir haben berechnet, dass ein durchschnittliches Elektrofahrzeug bei 100 Kilogramm Gewichtsreduktion nur rund 8 Kilometer Reichweite gewinnt.

Woher soll die Reichweite dann kommen?

Goss: Viel entscheidender sind Batterie und Antrieb. Das Geheimnis der Reichweite liegt im rekuperativen Antrieb: wie gut der Antriebsstrang zum Beispiel beim Bremsen Energie zurückgewinnen kann. Das heißt aber nicht, dass der Stahl-Leichtbau künftig nicht mehr relevant ist. Er hilft vielmehr dabei, Elektromobilität für den Großteil der Bevölkerung erschwinglich zu machen – dank bezahlbarer Werkstofflösungen.

Welche Rolle spielt der Stahl bei der Elektromobilität?

Goss: Ohne Stahl gibt es keine Elektromobilität. Ohne Elektroband funktionieren keine Generatoren, keine Transformatoren und auch keine Elektromotoren. Damit ist die gesamte Prozesskette Energie zwingend auf Stahl angewiesen: von der Erzeugung über Transport und Verteilung zu Ladestationen bis hin zur Mobilität mit Elektroautos. Auch in der Karosserie neuer Fahrzeuggenerationen wird Stahl künftig eine Rolle spielen. So erfüllt er wie kein anderer Werkstoff die Anforderungen an die unbedingt notwendige crashsichere Einhausung von Hochvolt-Fahrzeug-Batterien.

Für die Elektromobilität steht die Weiterentwicklung unserer Elektrobandsorten im Fokus, um die Motoren noch effizienter zu machen und damit die Reichweite der Autos zu erhöhen.

Andreas J. Goss, CEO von thyssenkrupp Steel

Woran arbeitet der Stahlbereich von thyssenkrupp konkret?

Goss: Wir erweitern unser Angebot bei Dualphasenstählen um neue, hochfeste Güten und optimieren das Portfolio dort insgesamt. Bei unseren innovativen und stark nachgefragten Zink-Magnesium-Überzügen arbeiten wir daran, die weltweite Verfügbarkeit zu verbessern. Hinzu kommen Neuentwicklungen wie unser mehrschichtiger Stahl-Werkstoffverbund tribond®, mit dem wir völlig neue Wege gehen. Wir rechnen damit, dass sich künftig der Entwicklungsfokus stark in Richtung Kostenoptimierung von Bauteilen verschiebt, ohne dass dabei der Schutz von Insassen und Passanten vernachlässigt wird. Hier sehen wir für Stahl gute Chancen, entsprechend entwickeln wir unser Portfolio konsequent weiter.

Wenn sich Fahrzeuge und ihre Antriebe radikal ändern, muss sich also der Werkstoff Stahl ebenfalls ändern …

Goss: Selbstverständlich. Es gehört zu unserer täglichen Arbeit, unseren Kunden genau die spezifischen Werkstofflösungen zu liefern, die sie benötigen – für konventionelle Anwendungen genauso wie für ganz neue. Stahl stellt dabei ständig seine Wandlungsfähigkeit unter Beweis. Meine Überzeugung ist, dass die Potenziale unseres Werkstoffes noch lange nicht ausgeschöpft sind.

Und spielt in diesem Zusammenhang die Digitalisierung bei der Stahlproduktion auch eine Rolle?

Goss: Natürlich haben wir das Thema Digitalisierung fest im Blick und denken darüber nach, was Industrie 4.0 für unsere Produktion bedeutet. So möchten wir uns künftig noch besser mit unseren Kunden vernetzen. Nur so können wir als Werkstoffpartner gemeinsam mit ihnen kommende Herausforderungen meistern und den steigenden Veränderungsdruck im wichtigsten deutschen Industriezweig bewältigen. Die IAA wird viele Gesprächsmöglichkeiten bieten, um solche und andere Potenziale auszuloten. Wir freuen uns darauf, zusammen den Umbruch in der Automobilindustrie zu gestalten. Er bietet große Chancen, neue und innovative Produkte und Dienstleistungen für eine nachhaltige und effiziente Mobilität zu entwickeln. Wir sind dazu bereit.“

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